BODS - Charta 86

Von mischa, 8. November 2023

Millionen von Menschen sind auf der Flucht, und täglich werden es mehr. Sie fliehen vor Verfolgung, Unterdrückung und Armut. Die meisten finden Zuflucht bei ihren Nachbarn in der Dritten Welt. Einige Tausend sind bei uns gestrandet, und schon glaubt die Schweiz an eine Invasion. Einige Tausend stellen unsere Menschlichkeit
auf die Probe, und schon erwägt eine kleinmütige Regierung, den Notstand auszurufen, wie damals 1942. Morgen will man uns vielleicht wieder zwingen, Menschen in den Tod zurückzuschicken. Wir wehren uns heute dagegen. Und wir fragen: Macht Sattheit träge? Verhärtet sie die Seelen? Behindert sie die soziale Fantasie?

Flüchtlinge aus der Dritten Welt sind in den meisten Fällen Verfolgte und Entrechtete; sie sind aber ebenso Opfer eines masslosen Ausbeutungsfeldzuges der reichen Nationen, an dem wir uns - ob wir es wollen oder nicht - mitbeteiligen. Unsere Banken leihen Geld; und nun zehrt die Schuldenlast das Essen auf, das hungernde
Menschen am Leben erhielte. Unserer Wirtschaft liefert Generatoren, Waffen, Kunstfaserfabriken; sie baut mit an Grossprojekten, die den Armen nichts nützen. Zurück fliesst nicht nur Geld - es kommen auch Flüchtlinge. Wir haben sie nicht gerufen; aber die Einsicht, dass sie uns braucht, rüttelt uns auf. Und die Arbeitskräfte, die man seinerzeit rief? Sobald der Wohlstand, den sie aufzubauen halfen, bedroht schien, wurden sie, zu Hunderttausenden, nach Hause geschickt. Jene, die blieben, gelten als Fremde in einem Land, das ohne Fremde
nicht auskommt. Wir fragen: Wollen wir nur human sein, solange es uns nützt? Wollen wir den Mobutu- und Marcos-Milliarden Asyl gewähren, Verfolgten und Notleidenden aber nicht?

Wir wenden uns gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Weltanschauung, ihrer sozialen Lage.
Wir weigern uns, Menschen, die bei uns Hilfe suchen, in echte und unechte, in politische und Wirtschaftsflüchtlinge aufzuteilen.
Wir kämpfen dagegen, die einen zu Sündenböcken zu machen und die andern, nur weil sie genug Geld haben, als Steuerzahler und Grundstückkäufer willkommen zu heissen.
Wir verwahren uns gegen eine Flüchtlingspolitik, die mit Arbeitsverbot, Zentrenzwang und Ausschaffung zu einer Politik der Abschreckung verkommt.
Wir wollen keine Notstandsmassnahmen, die uns in den Geist der Vierziger Jahre zurückversetzen.
Wir verlangen von den Behörden und den Medien, die Solidarität mit den Flüchtlingen zu unterstützen, statt sie zu behindern.
Wir sind bereit, nach unsern Möglichkeiten Flüchtlinge zu beherbergen oder ihnen als Gastgeberinnen und Gastgeber, als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu begegnen.
Wir wissen, dass wir längerfristig nur einen kleinen Teil der Notleidenen aufnehmen können; was aber in unsern Möglichkeiten steht, wollen wir tun.

Datum
Datei
Dokument