Zur Geschichte des Asyl in der Schweiz - Eidgenössische Migrationskommission

Von mischa, 8. November 2023

Wann beginnt die «humanitäre Tradition» der Schweiz? Welche Fluchtbewegungen erreichten das Land, das vielfach als «Rettungsinsel» bezeichnet, für seine Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs jedoch scharf kritisiert wurde? Wie reagierten Politik und Öffentlichkeit auf gewaltsame Konflikte, die Menschen zur Flucht veranlasst hatten? Zeigten sie sich gegenüber Geflüchteten offen oder eher skeptisch? Ein Blick in die Vergangenheit offenbart eine erstaunlich vielfältige Geschichte.

«Warum lohnt es sich, die Geschichte des politischen Asyls in der Schweiz zu untersuchen?» Kristina Schulz
stellt diese Frage nicht, um die Arbeit der Historikerzunft zu rechtfertigen. Vielmehr zeigt sie auf, dass die
Beschäftigung mit dieser Geschichte dazu beitragen kann, die heutige Schweiz in ihrer Vielstimmigkeit –
zu der auch Geflüchtete gehören – wahrzunehmen. Der Blick in die Vergangenheit zeigt überdies Kons-
tanten auf: Etienne Piguet konfrontiert den aktuellen Diskurs über «echte» und «unechte» Flüchtlinge mit
dem vermeintlichen Idealtypus des Flüchtlings in der Vergangenheit. Er zeigt indes auf, dass Menschen im-
mer unterschiedliche Motive hatten, um Asyl zu ersuchen. Die Ratifizierung der Genfer Flüchtlingskonventi-
on durch die Schweiz im Jahr 1955 und die Einführung eines schweizerischen Asylgesetzes im Jahr 1979 brach-
te, wie Martina Caroni schreibt, erstmals eine Grundlage für die Beurteilung der Asylwürdigkeit einer Per-
son nach klar definierten Kriterien. Der Streifzug von Walter Stöckli durch die Geschichte der Asylpraxis ver-
weist allerdings darauf, dass diverse politische Akteure sehr wohl versuchten, ihren Einfluss auf die Definiti-
on, wer als Flüchtling anerkannt werden sollte, geltend zu machen.

Die erste grosse Fluchtbewegung von rund 60 000 Personen erreichte das Gebiet der heutigen Schweiz in
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Danièle Tosato-Rigo beschreibt die Flucht hugenottischer Glaubens-
flüchtlinge in die protestantischen Kantone nach der Aufhebung des Edikts von Nantes. Gut hundert Jahre
später waren es erneut Menschen aus Frankreich, die in der Schweiz um Zuflucht ersuchten: Friedemann Pestel
erinnert an die mehreren Tausend Anhänger des Ancien Régime, die im Gefolge der Französischen Revolution
als politische Flüchtlinge in der Schweiz aufgenommen wurden. Um 1848, nach der Gründung des schwei-
zerischen Bundesstaats, nahm die Schweiz Tausende von republikanischen Gesinnungsgenossen auf, die auf-
grund gescheiterter Revolutionen in den benachbarten Ländern gezwungen waren, sich ins Exil zu bege-
ben. Unter ihnen befanden sich auch Persönlichkeiten wie etwa Giuseppe Garibaldi, wie Sandra Wiederkehr
festhält. Die eigentliche Geburtsstunde der humanitären Schweiz schlug dann 1871. Patrick Bondallaz be-
schreibt, wie die Niederschlagung der Bourbaki-Armee und die Internierung von 87 000 französischen Solda-
ten in der Schweiz eine grosse Solidaritätswelle auslöste und zur Erklärung der Schweiz als politisch neutra-
len Staat führte.

Zwischen 1880 und 1930 verliessen rund drei Millionen Jüdinnen und Juden Osteuropa aus Furcht vor Pogro-
men, wegen existenzieller Not sowie rechtlicher und politischer Diskriminierung. Patrick Kury zeigt anhand die-
ser ersten Massenflucht der Moderne auf, wie schwer sich erzwungene und freiwillige Migration auseinan-
derhalten lassen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es zur grundsätzlichen Verschärfung der
Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für ausländische Staatsangehörige. Anja Huber hält fest, dass politischen
Flüchtlingen traditionellerweise Asyl gewährt, Deserteuren hingegen nur selten ein Aufenthalt gestattet wurde.
In der Zwischenkriegszeit war die Schweiz Zufluchtsort für nur noch wenige. Trotz restriktiver Zulassungspolitik
– so Stéfanie Prezioso – konnten sich jedoch Exponenten des antifaschistischen Kampfs in der Schweiz aufhalten: dank Unterstützung durch Gleichgesinnte.

In die Zeit zwischen den Kriegen fällt auch die Gründung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Peter Meier
zeichnet die Geschichte der Organisation nach, die zunächst als Clearingstelle für Schutzsuchende vor Verfol-
gung durch die Nationalsozialisten funktionierte. Das Drama des Zweiten Weltkriegs stellte auch die offiziel-
le Schweiz vor grosse Herausforderungen. Guido Koller beschreibt die «Aufarbeitung» der unrühmlichen Ge-
schichte der Schweiz, die sich zunächst als Transitland verstand, dann aber ihre Tore vollständig schloss. Trotz
dieser Abschottung haben Menschen mit Zivilcourage, wie Jörg Krummenacher berichtet, vielen Jüdinnen
und Juden eine Flucht in die Schweiz ermöglicht. Anhand des Porträts eines Paars zeigt Jacques Picard, was
das Überleben im Exil in der damaligen Zeit bedeutete.

Die Asylpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg war gekennzeichnet vom Bestreben, das beschädigte Bild der
Schweiz als humanitäres Land wiederherzustellen. Michael Walther stellt die helvetische Flüchtlingspolitik
der Nachkriegsjahre in diesen Kontext. Der Kalte Krieg führte dazu, dass Flüchtlinge aus kommunistischen Re-
gimen mit offenen Armen empfangen wurden. Das war erstmals der Fall nach der Niederschlagung des
Aufstands in Ungarn 1956. Zoltan Dokà erzählt die Fluchtgeschichte seines Vaters, der von Györ nach Zü-
rich emigrierte. Sabine Bitter fokussiert auf die Aufnahme tibetischer Kinder in der Schweiz in den frühen
1960er Jahren – eine Geschichte durchaus zwiespältigen Charakters. Helena Kanyar Becker schildert ihre
eigene Fluchtgeschichte nach der Unterdrückung des Prager Frühlings, und Khanh Nguyen Bourodimos lässt
Stimmen der Boat-People sprechen, die nach dem Fall von Saigon zu Hunderttausenden Vietnam verliessen.
Die Haltung in der Schweiz änderte sich, als nach dem Sturz von Salvador Allende 1973 erstmals chilenische
Flüchtlinge die Schweiz erreichten. Sie waren nicht einem kommunistischen Regime entflohen, weshalb sich
die Begeisterung für deren Aufnahme in Grenzen hielt. Dennoch konnten Geflüchtete aus Chile auf die Solida-
rität in der Schweiz zählen, wie Karina Castillo aus eigener Erfahrung erzählt. Die Zunahme von Flüchtlingen
aus unterschiedlichsten Konfliktregionen der Welt veranlasste die damalige Vorsteherin des Eidgenössischen
Justiz- und Polizeidepartements, Elisabeth Kopp, einen Flüchtlingsdelegierten zu ernennen. Peter Arbenz lässt
im Gespräch jene Zeit Revue passieren, in der kurz nach der Inkraftsetzung des Asylgesetzes sein Amt antrat
und oft harscher Kritik ausgesetzt war.

 

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